Marketing-Seminar für Sexarbeitende

Bitte was? Marketing Seminar? Für Sexarbeiter*innen? Ja, ihr habt richtig gelesen. Es gibt alle möglichen Seminare und Kurse für Sexarbeitende, natürlich auch welche, die sich mit Marketing befassen. Wir üben einen Beruf aus, es ist also mehr als naheliegend, dass wir uns wie in anderen Branchen auch fort- und weiterbilden möchten.

Genau zu so einem Seminar bin ich letzte Woche nach Berlin gefahren.

Der großartige Dominus Berlin hatte zum Seminar eingeladen, um Sexarbeitende an seiner reichhaltigen Expertise, sowohl in der Sexarbeit als auch im Marketingbereich, teilhaben zu lassen. Im Rahmen dieses Tages haben wir uns mit Themen wie Absatzsteigerung, klassischem und Fleißmarketing, Vertrieb usw. auseinander gesetzt. Klingt trocken? Naja, so trocken wie ein Seminar sein kann, an dem Sexarbeitende aus unterschiedlichen Branchenzweigen und aus ganz Deutschland teilnehmen halt so ist – gar nicht.

Aber beginnen wir von vorne. Donnerstagabend sind meine Begleitung und ich in Berlin gelandet. Ich muss gestehen, ich konnte mich nicht richtig erinnern, wann ich das letzte Mal diese nervenaufreibende Stadt besucht habe. Muss wohl so zu Beginn der 2000er Jahre gewesen sein. Ich sage es wie es ist – ich bin ein Landei. Ich schätze die Ruhe, vergleichsweise wenig Verkehr, die Natur und die Weite. Berlin ist das genaue Gegenteil davon, zumindest wenn man sich mitten in der Stadt befindet. Well, Challenge accepted. Immerhin bin ich aufgrund eines Seminars nach Berlin gefahren, und wenn es etwas gibt, was ich noch mehr schätze als mein Landleben, dann ist es neue Dinge zu lernen. Also Augen zu und durch!

Die erste Interaktion war dann auch amüsanter Weise mit einer Kollegin, die auf der Straße arbeitet. Das Hotel lag zufällig an einem Straßenstrich und die Dame hat mich auf dem Parkplatz angesprochen. Versehentlich, denn sie hat mich erst von hinten gesehen. Mit Glatze, Mantel und Plateaustiefeln die mich 10 Zentimeter größer erscheinen lassen, hatte sie mich im Dunkeln für ihre Zielgruppe gehalten. Als ich mich umgedreht habe, hat sie ihr Versehen bemerkt und sich entschuldigt, was ich mit „Aber kein Problem, ich arbeite etwas ganz ähnliches“ beantwortet habe. Nach ihrem überraschten „Ach, Sie machen diese Arbeit auch?“ haben wir ein bisschen geschnackt, was ich einen sehr gelungenen Einstieg in das verlängerte Wochenende in Berlin fand.

Um noch etwas Positives über diese Stadt zu sagen, ich war auch sehr glücklich, dass das Angebot an veganen Speisen so vielfältig ist. Als Vegetarierin, die einfach keine Milchprodukte verträgt, bin ich mit veganen Gerichten oder gar Restaurants einfach auf der sicheren Seite. Aber ich schweife mal wieder ab. Also eingecheckt, veganen Döner erbeutet, den Abend ausklingen lassen und am Freitagmorgen, nach dem Schnelltest, ging es dann los Richtung Seminar.

Auch hier wieder – danke Hauptstadt der Hipster! Ein Latte mit Hafermilch ist an jeder Ecke zu bekommen. Thank god! Ständig schwarzer Kaffee schlägt mir irgendwann doch auf den Magen. Man wird ja nich jünger, nech?

Wir entschlossen uns zu Fuß den knappen Kilometer zur Location zu spazieren und uns in Ruhe die Umgebung etwas anzusehen. Vor dem Gebäude angekommen, musste ich schmunzeln. Ich hatte mit einer ansprechenden Behausung gerechnet, aber gleich so was? Bereits beim Betreten des Hauses schwante mir, was für Räumlichkeiten da auf uns zukommen. Altbau, top renoviert, makellos gepflegt – die Wohnung schreit, was der Dominus ausstrahlt – ich bin teuer, und das zurecht. Dabei aber immer auf dem Boden geblieben. Nicht exaltiert, nicht geschmacklos. Absolute Bonuspunkte für die flauschige Mitbewohnerin! (Ja nun, ich bin Katzenmensch. Da ist eine Katze? Sie hat meine volle Aufmerksamkeit!)

Wir wurden sehr herzlich empfangen und nach und nach fanden sich auch die weiteren Teilnehmer*innen des Seminars ein. Eine bunte Mischung aus Sexarbeitenden unterschiedlichen Geschlechts, mit durchaus verschiedenen Arbeitsrealitäten. Super! Ich hatte ein bisschen Sorge, dass sich vielleicht nur Dominas gegenseitig Schwänke aus ihrem Alltag erzählen werden, dem war allerdings nicht so. Zusätzlich schön war auch, dass wir nicht die Einzigen waren, die extra für diese Veranstaltung nach Berlin gefahren sind. Manche Kolleg*innen haben noch weitaus weitere Wege auf sich genommen als wir von Hamburg aus.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es dann ans Eingemachte. Über mehrere Stunden und mit einigen kleinen Pausen für Austausch, haben wir über die drei goldenen Regeln des Dominus, Sexarbeit und Vertrieb, das Erstgespräch, das Pricing, die „Produktentwicklung“, Werbung, Bestandskunden usw. gesprochen. Fragen wurden ausführlich, aber nicht unnötig in die Länge gezogen, beantwortet. Immer sehr freundlich, man hatte insgesamt weniger das Gefühl einem Vortrag beizuwohnen, sondern viel mehr direkt mit einbezogen zu werden.

Vieles davon was wir da behandelt haben, war mir bereits aus meinen vorherigen beruflichen Tätigkeiten vertraut – wem das noch nicht bekannt ist, ich bin nicht nur gelernte Kauffrau, sondern habe jahrelang im Vertrieb gearbeitet und beispielsweise Werbeplätze für Businesskunden verkauft. Marketing und Vertrieb funktioniert im Grunde immer gleich, ich war aber sehr erfreut, dass ich ein paar verstaubte und fast vergessene Tools wieder ins Gedächtnis gerufen bekommen habe.

Sehr schön fand ich auch, dass die Zeit für persönliche Anmerkungen und Erzählungen was konkret für andere Kolleg*innen funktioniert oder nicht funktioniert, gegeben war – ohne, dass es den Ablauf gestört oder ausgebremst hätte. Sehr stringent, aber nicht mit der Brechstange, konnte der Dominus immer wieder zurück zum Thema lenken, es gab keine Holprigkeiten oder unangenehmen Pausen. Das ist für mich persönlich sehr wichtig, denn ich werde recht schnell unkonzentriert oder gereizt, wenn Vortragende sich das Zepter zugunsten unnötiger Verzettelungen aus der Hand nehmen lassen. Hätte mich allerdings auch gewundert, wenn er das nicht mit der üblichen Souveränität gehandhabt hätte.

Ich habe für mich in erster Linie ein paar Reminder und Anregungen mitgenommen, einen Tipp aber direkt am Sonntag einmal angewendet, der dann auch sofort die Woche darauf zu einem Termin geführt hat. Ich sage es mal so – 95€ Seminargebühr ausgegeben, 260€ eingenommen – das Ding hat sich gelohnt! Zumal ein wichtiger Punkt ja auch ist, dass der Dominus sich nicht an diesen Seminaren bereichert. Der überwiegende Teil der Einnahmen geht als Spende an den BesD e.V. Man investiert also nicht nur in das persönliche Geschäft, sondern unterstützt damit auch noch die Arbeit eines wichtigen Berufsverbandes. Win-Win würde ich sagen.

Insgesamt war das ein wirklich schöner Tag, und abgesehen davon, dass wir vermutlich alle etwas Gewinnbringendes (ha!) mit nach Hause und in unseren Arbeitsalltag nehmen konnten, war es auch einfach sehr schön mal wieder mit Kolleg*innen ins Gespräch zu kommen. Vor allem, wenn man sich ggfs. schon seit längerem gegenseitig zum Beispiel auf Twitter&Co folgt, und nun auch endlich mal einen persönlichen Eindruck von den Menschen hinter den Accounts bekommen hat. I regret nothing! Das war toll. Nuff said.

Falls Kolleg*innen nun auch mehr über des Dominus drei goldene Regeln erfahren oder das eigene Marketing-Game verbessern möchten – nichts leichter als das! Der Dominus bietet sowohl Einzelcoachings an, als auch ein weiteres Marketingseminar am 22. Juli 2022. Weitere Informationen findet ihr unter: https://www.dominus.berlin/profi_marketing/

Check it out – es lohnt sich!

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