Barrierefreiheit – da ist noch Luft nach oben!

Es ist mal wieder an der Zeit, einen Blogpost zu schreiben, daran wurde ich in den letzten Wochen immer mal wieder erinnert. Nun, hier ist er. Und ein recht persönlicher noch dazu. 

Schon geraume Zeit folge ich auf Twitter einem Account, der Tweets zu den Themen Sexarbeit aus Kundensicht, Behinderung und trans Sein schreibt, und wir haben über die Wochen und Monate eine schöne Online-Bekanntschaft entwickelt. Wenn zu spüren war, dass mir die Zeit während meines Arbeitsverbotes immer schwerer fiel, kam hin und wieder ein kleines aufmunterndes Video, eine positive Nachricht, eine Versicherung, dass alles besser wird, ein frecher Scherz. Umgekehrt durfte auch ich schon ein paar Mal aufmuntern, ein Geburtstagsständchen singen usw.

Nun war es gestern endlich so weit, der kleine Werwolf (seinen Blog findet ihr hier: https://kleinerwerwolf81.blogspot.com) und ich haben uns in Hamburg zum Kaffee getroffen und über viele Themen gesprochen. Aber bis dahin gab es buchstäblich einige Hürden zu bewältigen. Ihr müsst wissen, der kleine Werwolf ist Rollstuhlfahrer, und wie ich schon bei der Suche nach einem passenden Café oder Restaurant feststellen konnte, ist Hamburg alles andere als barrierefrei.

Da ich nicht in Hamburg lebe, sondern nur in regelmäßigen Abständen aus privaten Gründen aber auch zum Arbeiten herkomme, kenne ich nicht besonders viele Lokale und als Mensch ohne Behinderung oder Einschränkung habe ich mich bis dato auch nicht intensiv damit beschäftigt, mir über die allgemeine Barrierefreiheit dieser Stadt Gedanken zu machen. Das hat sich diese Woche geändert und was ich da so erfahren habe, hat mich wirklich sehr überrascht und frustriert.

Ich habe gegoogelt, Freunde befragt, https://wheelmap.org/search konsultiert und einen Aufruf mit der Bitte um Tips und Empfehlungen auf Twitter gestartet. Vieles davon war hilfreich, informativ, aber vor allem eben: frustrierend. Wir Menschen, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind, nehmen vielleicht ein Restaurant als vermeintlich barrierefrei wahr, wenn man in der Außengastronomie gut sitzen, ohne Stufen in das Lokal kommen oder aufgrund von genug Platz auch in den Gasträumen selbst, ohne überall anzustoßen, einen Rollstuhl manövrieren kann, aber wisst ihr was? Das alleine reicht halt nicht! In unglaublich vielen Cafés und Restaurants ist die Toilette nicht für Menschen im Rollstuhl oder mit Gehbehinderung zu erreichen. In vielen der alten Häuser führen enge, steile oder verwinkelte Treppen in den Keller, wo die Toiletten sind. Aufzüge? Fehlanzeige! 

Da ich den kleinen Werwolf nicht auch noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt quälen wollte, habe ich in einem begrenzten Radius um den Hamburger Hauptbahnhof gesucht und nicht gerade viele Möglichkeiten gefunden. Selbst was als „barrierefrei“ im Internet stand, entpuppte sich bei einem kurzen Anruf als „barrierefrei, aber pinkeln müssen Sie bitte woanders, wenn sie im Rollstuhl sitzen“. Nun, langer Rede, kurzer Sinn – wir haben schlussendlich einfach irgendein Lokal mit Außengastronomie gewählt und mussten uns damit abfinden, dass er im Zweifelsfall im Hauptbahnhof zur Toilette muss.

Bis wir aber dahin gekommen sind, gab es einen weiteren Aha!-Effekt für mich. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass ich ihn am Bahnhof abhole und ich bin die für mich übliche Route zum Bahnhof gegangen. Dabei ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass wir zusammen wahrscheinlich nicht so einfach die Straße mit den Mittelinseln überqueren können, wie ich es immer – selbst in High Heels – mache und ich habe die Zeit genutzt, mich umzusehen, wo denn die nächste Fußgängerampel ist und mir Gedanken zu machen, warum das eigentlich so oder „Fußgängerüberweg“ heißt. Inklusiv sind diese Begriffe nun auch nicht gerade.

Wie dem auch sei, wir haben uns mit ein paar Umwegen und Sprachnachrichten am Bahnhof gefunden und auf den Weg zu einem Café gemacht. Direkt die nächste Erkenntnis: auch gut gemeinte kleine Rampen können zu steil sein und überhaupt – warum ist hier eigentlich ein Mix aus Kopfsteinpflaster, Platten, unebenen Schwellen? Wer hat sich denn die Sch… ausgedacht? Und warum zum Teufel stellen die Leute diese E-Roller überall in den Weg?

Endlich im Lokal angekommen, konnten wir uns in aller Ruhe unterhalten. Neben Themen, die Menschen mit Behinderungen betreffen und beschäftigen (und uns able-bodied Menschen dringend beschäftigen sollten!) kamen auch persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse zu Bereichen BDSM und trans Sein zur Sprache. Vielleicht schreibe ich dazu noch einen separaten Blogpost, denn auch hier habe ich als cis Frau von Problematiken gehört, die mir völlig fremd sind.

Ich habe erfahren, dass  dem kleinen Werwolf öfter das Vorurteil entgegen kommt, dass der (Zitat!) „kleine Behindi“ ja viele Dinge nicht machen kann, dass er behandelt wird wie ein unmündiges Kind und auch, dass ihm ganz offensichtlich – bewusst oder unbewusst – abgesprochen wird, selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können. Ich muss sagen, das hat mich schon sehr schockiert, immerhin habe ich da am Tisch mit einem Mann Ende dreißig und nicht mit einem unmündigen Kind gesessen! Als Domina von Beruf und Domme im Privatleben hat mich natürlich auch speziell interessiert, wie er mit seiner Behinderung im BDSM-Kontext umgeht und was er sich da wünscht. Eine Sache fand ich sehr spannend:

Der kleine Flauschknubbel hat eine besondere Vorliebe für Stiefel und liebt es, diese zu putzen. Er würde gerne mal an einer SM-Party diesen Service anbieten, ist sich aber (aus Erfahrung begründet) bewusst, dass das niemand oder wirklich nur sehr wenige Menschen annehmen würden, denn – da ist es wieder – den „armen Behindi“ kann man doch nicht so ausnutzen! Um ehrlich zu sein, da konnte ich nur den Kopf schütteln. Ich selbst habe bis dato auch wenig Einblick in ein Leben mit Behinderung gehabt. Zwar schlage ich mich persönlich mit Fibromyalgie und Sjögren-Syndrom, beides beizeiten einschränkende Erkrankungen, rum, und mein Mann ist auf einem Ohr stocktaub, hat eine halbseitige Gesichtslähmung und Morbus Bechterew, aber so wirklich massiv schränken uns diese Umstände zur Zeit nicht ein. Zumindest mir sieht man auch einfach nichts an. 

Nichtsdestotrotz ist mir bisher nie der Gedanke gekommen, dass man einen Menschen im Rollstuhl oder mit einer anderen Behinderung als unmündig behandeln kann. Nochmal – wir haben es da mit erwachsenen Menschen zu tun. Auf Rädern durch die Gegend zu flitzen, blind zu sein, nichts zu hören usw – das macht Menschen nicht langsam, begriffsstutzig oder hilflos! Da der kleine Werwolf einen ausgeprägten Sinn für Humor hat, haben wir auch Witze gerissen und ich meinte einfach, er solle ein Schild daneben stellen mit der Aufschrift „Ja, ich will das. Ja, ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen, ich bin erwachsen und jetzt her mit den Stiefeln!“

Trotz Humor und Ironie sind bei mir schon Gefühle hängen geblieben, die ich erst später einordnen konnte. Frustration und Wut. Darüber, dass man es Menschen gewollt oder ungewollt schwer macht, vollständiger Teil unserer Gesellschaft und unserer Gemeinschaften zu sein. Diese Menschen sind vollständig. Gut, hier und da fehlt vielleicht mal ein Teil, eine Körperfunktion, an die wir Menschen ohne Behinderungen uns gewöhnt haben, aber das macht sie doch als Personen und Persönlichkeiten nicht „nur halb“, nicht unmündig, nicht hilflos.

Ein weiterer Punkt, der zur Sprache kam war, dass Menschen mit Behinderungen deutlich öfter übergriffigem Verhalten ausgesetzt werden. Unabhängig davon, dass solche Übergriffe gut gemeint sein können: Einen blinden Menschen einfach am Arm zu packen und „ich helfe ihnen mal über die Straße, gell“ zu sagen oder eine:n Rollstuhlfahrer:in ohne Rücksprache anzuschieben, das bleibt ein Übergriff in den persönlichen Raum des Menschen. Tut das nicht! Es ist nicht doof, helfen zu wollen, aber fragt doch bitte zuerst, ob Eure Hilfe überhaupt gewünscht ist. Ein Rollifahrer ist kein Hot Wheels Auto, das man einfach mal so durch die Gegend rollt!

Insgesamt hat mir der Nachmittag mit dem kleinen Werwolf einen anderen Blick für Baustellen in unserer Gesellschaft und in unserer Umwelt beschert. Mein Fazit ist: Habt Mitgefühl und offene Augen für die Lebensrealitäten anderer Menschen. Aber spart Euch Mitleid. Setzt Euch mit Schwierigkeiten auseinander, hört zu, tauscht Euch aus, bleibt interessiert und helft vor allem mit, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt ankommt, an dem Barrierefreiheit (auch in unseren Köpfen) die Norm und nicht die Ausnahme ist.

Abschließend bedanke ich mich noch einmal herzlich bei dem kleinen Werwolf für die Einblicke in sein Leben und auch für den Tipp, einen Hinweis auf meiner Homepage einzubauen, dass mein berufliches Angebot selbstverständlich auch Menschen mit Behinderungen offen steht. Das hatte ich bisher für mich nicht explizit bedacht oder separat darauf hingewiesen, aber im Zuge meiner ersten kleinen Schritte Barrieren abzubauen, wird dazu auch ein Text auf meiner Homepage platziert. Und wenn es nur dazu führt, dass Menschen lesen können „ihr seid herzlich willkommen und werdet nicht ausgeschlossen“.

4 Kommentare:

  1. Vor über 15 Jahren datete ich eine junge Dame in Berlin, die kurz zuvor ein Bein verloren hatte und zu jener Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen war. Da ich sie einlud,suchte ich auch nach dem passenden Lokal hierfür. Mit dem Rollstuhl war sie auch noch nicht so lange unterwegs, dass sie mir hätte einen Tipp geben können.

    So suchte ich via WWW und entschied mich für ein Lokal in Kreuzberg, welches lt. Homepage barrierefrei sein sollte. Das war es nur bedingt Um hinein und zum Tisch zu gelangen, musste das Personal die Treppen mittels Rampe überbrücken. Der Zugang zur Toilette war auch hier nicht barrierefrei.

    Auf die Angabe barrierefrei ist also nicht wirklich Verlass. Obgleich es nicht notwendig ist, in meinem persönlichen Umfeld kenne ich niemanden mit Rollstuhl, achte ich seither auch mehr darauf. Nur sehr selten sehe ich ein Lokal, welches wirklich allen Ansprüchen auf Barrierefreiheit gerecht wird.

    Wir hatten jedenfalls einen unterhaltsamen Abend. Einige Jahre später traf ich die junge Dame wieder. Mittlerweile mit einer Beinprothese versorgt, war es für mich erstaunlich, wie sie mit dieser Beinprothese gehen und tanzen konnte. Aber das nur so am Rande.

    Meine Lehrausbildung absolvierte ich in einem Reha-Zentrum. Unter uns waren auch einige Rollifahrerinnen, die dort ihren Beruf erlernten. Lang ist es her, von BDSM hatte ich damals noch keine Ahnung, aber schon damals wusste ich, wir sind alles nur Menschen wie du und ich. Wir haben die gleichen Bedürfnisse, wir machen die gleichen Fehler, wir haben unsere Stärken und Schwächen. Da ich selbst ebenfalls gesundheitlich beeinträchtigt bin, kenne ich es auch aus eigenem Erleben, wie andere Menschen mitunter übervorsichtig werden. Es fällt vielen schwer zu glauben, dass diese Vorsicht nicht notwendig ist.

  2. Juhuuu endlich wieder mal ein Text in deinem Blog…

    Danke das ich dich etwas in meine Welt entführen durfte, und du Life erlebt hast was abgeht…

    Danke für den schönen Nachmittag…

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